Der Mund ist unser erstes Mikrobiom
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Unser erstes Mikrobiom bildet sich bei der Geburt im Mund. Rund 700 verschiedene Bakterienarten leben auf der Zunge, den Zähnen, den Zahnzwischenräumen und den Wangen. Hier finden die Bakterien eine hervorragende Lebensgrundlage, weil es feucht und warm ist.
Lässt der Speichelfluss nach, zum Beispiel durch Medikamente, Stress oder in der Menopause, vermehren sich die plaquebildenden Bakterien deutlich schneller. Die Schleimhäute werden empfindlicher und die krankmachenden Keime können Überhand nehmen.
Im Speichel steckt sogar eine schmerzstillende Substanz, die sechsmal stärker ist als Morphin.
Das macht den Speichel zum wichtigsten Faktor im Mund. Speichel kann Säureangriffe abpuffern, Zähne remineralisieren, Abwehrstoffe und Enzyme transportieren.
Unser Mikrobiom verändert sich auch durch Essen: Zucker lässt die kariesaktiven Bakterien wachsen. Eine nitrat- oder ballaststoffreiche Kost füttert dagegen die nützlichen Bakterien. Aus grünem Blattgemüse können Bakterien im Mund Stickstoffmonoxid produzieren, was wiederum für gesunde, elastische Gefäße sorgt.
Diversität als Gesundheitsgrundlage fürs orale Mikrobiom
Der Mensch besitzt ungefähr genauso viele Bakterien wie eigene Zellen. Weil wir dieses Zusammenleben inzwischen besser verstehen, hat sich der Blick auf die Mundpflege grundlegend geändert.
Das alte Credo, mit einer aggressiven Mundspülung 99 Prozent der Bakterien töten zu wollen, ist obsolet. Studien bestätigen, dass tägliche Chlorhexidinspülungen den Blutdruck messbar erhöhen können. Wer alle Bakterien eliminieren will, entfernt auch die Guten und nimmt sich damit einen wichtigen Schutzmechanismus.
Diversität ist die Grundlage für Gesundheit. Das gilt für alle Mikrobiome, besonders für unser Darmmikrobiom. Die gesündesten und ältesten Menschen haben ein vielfältiges, artenreiches Mikrobiom.
Biofilm, Quorum Sensing und systemische Folgen
Was passiert, wenn wir aufhören, unsere Zähne zu putzen oder unsere Mundhygiene in den Zahnzwischenräumen vernachlässigen? Nach wenigen Tagen organisieren sich die Biofilme zu einer festen, dichten Matrix, in der die krankmachenden Keime die Überhand gewinnen.
Bakterien können über weite Strecken miteinander kommunizieren. Die Wissenschaft nennt das Quorum Sensing. Weil immer mehr Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, geht ein neuer Forschungsansatz in die Richtung, genau diese Kommunikationswege der Bakterien zu unterbrechen.
Die häufigsten Erkrankungen im Mund, Karies und Parodontitis, haben einen bakteriellen Ursprung. Karies geht mit einem unwiederbringlichen Verlust der Zahnhartsubstanz einher. Parodontitis führt zu Knochenschwund, macht sich aber auch systemisch im Körper bemerkbar. Eine Parodontitis kann eine Silent Inflammation induzieren und ein stiller Nährstoffräuber sein. Auf zwei Wegen können sich die Parodontitisbakterien in unserem Körper ausbreiten:
- über den direkten Blutweg aus den entzündeten Zahnfleischtaschen
- bei jedem Schluckvorgang über den Magen in den Darm.
Diese Bakterien wurden sogar in den Gehirnen von Alzheimerpatienten gefunden und in Ablagerungen an Gefäßen und Herzklappen.
In einem neuen, interessanten Forschungsansatz wird über die Persistenz von Viren in oralen Biofilmen diskutiert. Dies soll maßgeblich den Schweregrad einer Parodontitis anzeigen. Insofern stellt sich die Frage, inwieweit die Mundhöhle eine Quelle für die Ausbreitung von Viren darstellt.
Das MALT-System: Wie der Mund mit dem Körper kommuniziert
Wir sind diesen Mikroorganismen aber nicht schutzlos ausgeliefert. Unser Immunsystem reagiert darauf. Es besitzt ein ausgeklügeltes System, das MALT. Dieses lymphatische Gewebe befindet sich direkt in und unter den Schleimhäuten des Körpers. Es hilft dem Immunsystem, harmlose Mikroorganismen zu tolerieren und Krankheitserreger aktiv zu bekämpfen.
So gelangen Informationen aus dem Darmmikrobiom in alle Körperregionen, auch direkt in unser Mundmikrobiom. Eine Dysbalance des Darmmikrobioms kann sich so auch über schmerzhafte Aphthen an der Mundschleimhaut oder den Lippen bemerkbar machen.
Die Sonderstellung der Lippen: periorale Dermatitis und Inhaltsstoffe
Sie bilden die Grenze zur Haut, sind weich, dünn und empfindlich. Eine hartnäckige Hauterkrankung, deren Ursache bisher nicht geklärt ist, betrifft genau diesen Bereich um den Mund, die periorale Dermatitis. Sie ist durch Rötungen und kleine Knötchen charakterisiert.
Vermutet wird eine gestörte Hautbarriere durch Überpflegung. Die Therapie besteht darin, auf alle Kosmetika zu verzichten. Aber auch das Weglassen von fluoridhaltigen Zahnpasten ist angeraten, weil diese eben auch das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht bringen können.
Inhaltsstoffe von Zahnpasten bekommen immer mehr Aufmerksamkeit. In der Kritik stehen hauptsächlich:
- Stark schäumende Tenside wie das Natriumlaurylsulfat (SLS)
- Künstliche Farb- und Aromastoffe
- Konservierungsmittel
- Desinfizierende Inhaltsstoffe
- Sorbitol
Diese können bei empfindlichen Menschen Reizungen auslösen und die Schleimhautbarriere durchlässiger machen. Gerade wegen dieser Inhaltsstoffe sollte bei der Mundhygiene darauf geachtet werden, dass das Speichelgemisch nach Möglichkeit nicht auf die Haut kommt, weil es diese reizen könnte.
Empfehlung für die Zahnpflegeroutine
Reihenfolge beachten: zuerst Zähne putzen und dann mit der Gesichtspflege fortfahren.
- Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten reinigen.
- Zähne putzen, vorzugsweise mit einer Schallzahnbürste.
- Die Zunge mit einem separaten Zungenschaber reinigen.
- Statt einer Mundspülung den Mund mit Kokosöl spülen.
Die alte Tradition des ayurvedischen Ölziehens mit vorzugsweise Kokosöl ist seit vielen Jahrhunderten beschrieben und erfreut sich immer mehr Beliebtheit. Auch Studien bestätigen die Wirksamkeit und den positiven Effekt des Öls auf den Biofilm. Wer einen Schritt weglassen will und in Eile ist, kann auch auf eine ölhaltige Zahnpasta zurückgreifen.
Ausblick: Die Mundhöhle neu entdecken
Die Mikrobiomforschung steht erst am Anfang. Wir entdecken gerade die Mundhöhle neu. Auch das ist der Mikrobiomforschung geschuldet. In den nächsten Jahren wird sich unsere Vorstellung von Gesundheit sicher grundlegend verändern.
